Einsame Männer (Kurzgeschichte)
Ich fahre den Rollstuhl ins Zimmer und hoffe das ich nirgends mit den Rollen gegenstoße. Endlich habe ich es geschafft den Mann vor seinen Tisch zu stellen. Es ist dunkel im Raum, fast schon düster. Es sitzt noch ein anderer Mann mit seinem Sohn in dem Zimmer, die Beiden schweigen sich an. Ich beginne mit dem Mann, den ich hergefahren habe, zu puzzeln. Er schiebt ein paar Puzzleteile vor sich hin und her. Aber sein Blick schweift nicht über den Tisch um passende Teile zu finden. Mir ist es unangenehm, dass ich so schnell Teile zusammenfügen kann und ich schiele zu seinen Fingern hinüber. Er versucht ein Puzzlestück hochzuheben, doch seine Finger rutschen immer wieder ab. Ich will ihm helfen, doch habe Angst, dass er keine Hilfe annehmen will. Ich lege ihm ein paar Puzzleteile vor seine Hände, von denen ich weiß, dass sie zusammen passen. Er schaut zu mir auf und lächelt mich an. Ich weiß nicht, ob er begreift, dass ich ihm helfen will.
„Für ein Puzzle braucht man Zeit!“, sagt er leise. Ich nicke und stimme ihm zu. Ich weiß nicht was ich sagen soll. Ich habe das Gefühl, das er sich nicht unterhalten will. Er konzentriert sich nur auf das Puzzle.
Da fangen die beiden Männer hinter mir an zu reden. Der Sohn redet über das Wetter. Es scheint mir, als hätte er keine große Lust seinen Vater zu besuchen und er versucht es noch nicht mal zu verbergen. Es stimmt mich traurig. Ich werfe einen kurzen Blick zu den Beiden. Unbeweglich hängt der Vater an den Lippen seines Sohnes. Er genießt jedes Wort das er von ihm hört. Doch die Stimme seines Sohnes wird vorwurfsvoll.
„Warum hast du nicht den Rasierer benutzt, den ich dir geschenkt habe? Er liegt noch verpackt in der Hülle!“
Der Vater senkt die Augen. Er hat vergessen, dass er den Rasierer bekommen hat. Sein Anblick macht mich traurig und ich drehe mich wieder dem Puzzle zu, höre aber weiter zu.
Als der Sohn einen Anruf bekommt, ist er hörbar erleichtert und froh gehen zu können. Er verabschiedet sich freundlich von mir. Von dem puzzelnden Mann nimmt er keine Notiz. Ich werfe einen erneuten Blick zu dem allein gelassenen Mann. Er sitzt immer noch mit hängendem Kopf im Sessel. Der vergessene Elektro-Rasierer liegt auf seinem Bett. Ich widme mich dem Puzzle. Ich möchte den Mann nicht anschauen, wenn er weint.
Ich höre wie er aufsteht und sich auf sein Bett setzt. Er fängt an sich zu rasieren. Ich kneife die Lippen aufeinander, weil es so traurig ist.
Der Rasiere kratzt über seine trockene Haut und macht Geräusche, die mich erschaudern lassen. Ich blicke zu dem Mann mit dem ich hergekommen bin. Er zeigt keine Regung und ich weiß nicht was ich tun soll.
„Brauchen sie Hilfe?“, frage ich laut über den Rasierer hinweg.
Er schüttelt traurig den Kopf und rasiert sich weiter. Es vermittelt mir das Gefühl, dass er Angst hat, seine Selbstständigkeit zu verlieren, wenn er Hilfe annimmt.
„Der ist immer so.“, sagt der puzzelnde Mann unbeeindruckt.
Ich werde das Gefühl nicht los, das etwas passiert. Das Kratzen des Rasierers liegt mir in den Ohren. Ich schaue rüber und sehe wie er mit dem Rasierer über seine Wangen fährt. Immer wieder.
Nach einer Ewigkeit packt er den Rasierer weg und ich atme entspannt auf. Der Mann bei mir kann sich kaum noch konzentrieren. Ich frage ihn, ob er zurück in den Gemeinschaftsraum will. Er nickt und ich verabschiede mich von dem anderen Mann.

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